Vortrag Ernährungssouveränität und Schulspeisungsprogramme in Südbrasilien

von Ökobäuerin Sandra König

Das Schulspeisungsprogramm in Brasilien, das während der ersten beiden Regierungsperioden des Präsidenten Lula 2003 – 2011 eingeführt wurde, war ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Hunger, berichtet Sandra König. Die in Südbrasilien lebende deutschstämmige Ökobäuerin führt aus, dass die Anzahl der Hungernden und chronisch Unterernährten aufgrund des Schulspeisungsprogramms und anderer Elemente der partizipativ erarbeiteten nachhaltigen Ernährungsstrategie innerhalb eines Jahrzehnts drastisch reduziert werden konnte. Das hatte dem Programm international viel Renommé eingebracht.

30% aller Lebensmittel für die Schulkantinen in öffentlichen Schulen mussten regional von bäuerlichen Familienbetrieben beschafft werden. Vor allem in den südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul und in Paraná verhalf diese Vorgabe den bäuerlichen Familienbetrieben, die auch heute noch den Großteil der Nahrungsmittel in Brasilien produzieren, und der Biolandwirtschaft zu einem nicht gekannten Aufschwung.

Mit dem Amtsantritt von Nachfolger Bolsonaro wurde das nationale Programm in dieser Form eingestampft und nur von wenigen Bundesstaaten und Kommunen auf kleiner Flamme weitergeführt. In der Folge stiegen Hunger und Armut, die Abholzung des Regenwalds, um Soya und andere cash crops anzubauen, erlebte nie gekannte Ausmaße. Nun erlebt das Schulspeisungsprogramm in der neuerlichen Amtszeit Lulas seit einigen Monaten ein Revival.


Außerdem stellte Sandra König ihre 13-jährige Zusammenarbeit mit den Guarani, sowie mit dem Kaingang-Volk in der Region Parana vor. Die indigene Landwirtschaft basiert auf einer spirituellen Weltanschauung, verwendet Pflanzen und Kräuter für gesundheitliche Vorteilseffekte und fokussiert auf Nachhaltigkeit und kosmische sowie spirituelle Energien. Sandra König, die auf ihrem eigenen Hof Grundnahrungsmittel anbaut, arbeitet für die Nicht-Regierungsorganisation Outro Olhar, die die wirtschaftliche und soziale Situation der Indigenen verbessern will.

Mit Statistiken und Diagrammen verdeutlichte sie, dass das agroindustrielle Profil Brasiliens immer noch dominant ist. Ein Rückblick auf die Regierungszeit von Jair Bolsonaro beleuchtete den Zusammenhang zwischen der Abschaffung der Bürgerbeteiligungsräte, der massiven Zulassung von Pestiziden, der Abholzung des Regenwaldes und der Zunahme von Hunger und Fehlernährung, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. In Brasilien spielen die Bürgerbeteiligungsräte inzwischen wieder eine zentrale Rolle im politischen und sozialen System, indem sie eine formelle Plattform für die partizipative Demokratie darstellen. Diese Räte ermöglichen es Bürger*innen, direkt an der Planung, Überwachung und Bewertung von Politiken und Programmen auf verschiedenen Regierungsebenen mitzuwirken.

Mit dem Regierungswechsel und der neuerlichen Wahl von Lula im Januar 2023 wurden die Agrar- Forst- und Naturschutzbehörden IBAMA und INPE wieder umstrukturiert. Inzwischen wird die Politik der Null-Entwaldung proklamiert, um die Rechte der indigenen Völker verstärkt zu schützen. Sandra König beleuchtete auch das Modell des Agrobusinesses, das auch in der Regierung Lula mit Medienpräsenz und Werbemaßnahmen effektive Lobbyarbeit betreibt. Die Rahmenbedingungen für Agrobusiness und familienbasierte Landwirtschaft werden in zwei verschiedenen Ministerien gesetzt, die entsprechenden Gesetze müssen vom immer noch stark von Bolsonaro-Anhängern dominierten Parlament verabschiedet werden.

Des Weiteren wurden Netzwerke der Agrarökologie wie Rede Ecovida und Produto Orgânico Brasil vorgestellt, die sich für Agroforstwirtschaft und nachhaltige Waldnutzung einsetzen. Im „grünen“ Bundesstaat Paraná ist das Ziel, bis 2027 ausschließlich Saatgut und Pflänzlinge in Bio-Qualität zu verwenden. Paraná, als größter Bio-Produzent Brasiliens, beherbergt 3805 Biobetriebe.

In der Diskussion ging es um den Begriff Ernährungssouveränität, um die Rolle von Ernährungsräten, um die Integration der Guarani und Kaingang in den Ernährungsrat und ihren Zugang zum Markt für Agrarprodukte, um die Besonderheiten der indigenen Landwirtschaft und natürlich um das Schulspeisungsprogramm, das eine Vorlage für die Verbesserung der Schulkantinen hierzulande liefern könnte: Dezentral organisiert nach etablierten Standards, gekocht wird vor Ort mit viel Biowaren und mit der Einbindung der lokalen nachhaltig wirtschaftenden Höfe.

Vielen Dank an Sandra König für diesen informativen Vortrag!

 

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Aktuelles

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Vortrag Ernährungssouveränität und Schulspeisungsprogramme in Südbrasilien

Vortrag der brasilianischen Ökobäuerin Sandra König im Globalen Klassenzimmer des Welthaus e.V. über Ernährungssouveränität und Schulspeisungsprogramme in Paraná, Südbrasilien

 

Bildungsangebote im Globalen Klassenzimmer

Das Welthaus Stuttgart e.V. bietet auch in diesem Jahr eine Vielzahl von Themen im Bereich des Globalen Lernens für Schulklassen an.

Wenn Sie als Schule noch auf der Suche nach Veranstaltungen für dieses Schuljahr oder die Projekttage sind, freuen wir uns über Ihre Kontaktaufnahme.

 

Unsere aktuellen Themenfelder sind:

  • FAIRlaufen Stadtrallye
  • Weltspiel (Module: Wasser, CO2, Plastik etc.)
  • Wasser (z.B. Wasserknappheit, virtuelles Wasser etc.)
  • Nachhaltige Ernährung
  • Schokolade
  • Der Lange Weg der Jeans
  • Frieden
  • SDGs bzw. die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030

 

Kontakt: gk@welthaus-stuttgart.de

Die Welthaus-Mitglieder*innen haben einen neuen Vereinsvorstand gewählt!

Am 22.04.2024 wurde während der jährlichen Mitgliederversammlung ein neuer Vereinsvorstand gewählt (von links nach rechts):

Omar Makni (Verein der Tunesier in Stuttgart e.V.)

Dr. Manal El-Shahat (EZBET e.V.)

Tshamala Schweizer (Afrokids International e.V.)

Clarissa Seitz (BUND Kreisverband Stuttgart)

Olímpio Alberto (Mozambikanischer Verein Bazaruto e.V.)

Ralf Häußler (Zentrum für Entwicklungsbezogene Bildung / ZEB)

 

Wir gratulieren zur Wahl!

Foto: Esma Kizilaslan

 

Wenn nicht jetzt - wann dann?

 

"Warum werdet ihr jetzt laut? Was macht ihr?
Und wie engagiert ihr euch ansonsten? Drei Fragen, viele Antworten."

Vor dem Hintergrund erstarkender rechter Strömungen, allen voran der als in Teilen rechtsextremistisch eingestuften AfD, stellt die neue Südzeit Fragen an Vertreter*innen der Gesellschaft, auch vom Welthaus Stuttgart.

Der gesamte Artikel ist hier zu lesen.