Die geraubten Mädchen

von Wolfgang Bauer

Im April 2014 überfiel ein Kommando der Terrororganisation Boko Haram ein Internat im nordnigerianischen Chibok und entführte 276 Schülerinnen. Die Kampagne „Bring Back Our Girls" sorgte weltweit für Entsetzen und verschwand dann wieder aus den Schlagzeilen. Was aus den Mädchen wurde, wollte kaum noch jemand wissen.

Wolfgang Bauer, Reporter der Zeit, wollte es wissen. Er reiste zweimal nach Nigeria und sprach über Monate mit mehr als sechzig Frauen, denen die Flucht aus den Lagern von Boko Haram gelungen war. Herausgekommen ist kein distanziertes Sachbuch, sondern etwas viel eindringlicheres: Protokolle aus erster Hand. Die Frauen berichten von ihrem Leben vor der Entführung, der Gefangenschaft im Sambisa-Wald und von Gewalt und Erniedrigung. Wenn eine der Frauen sagt: „Sie haben mir nur meinen Namen gelassen. Alles andere haben sie mir genommen. Ich bin jetzt jemand, den ich nicht kenne", dann braucht es keine weiteren Erklärungen.

Was das Buch dabei auch zeigt: Es sind Frauen und Mädchen, die es am härtesten trifft. Kein Zufall. Boko Haram wendet sich explizit gegen die Bildung für Frauen. Der Name bedeutet so viel wie „westliche Bildung ist Sünde". Die Entführungen sind kein blindes Chaos, sondern Ausdruck einer tief verwurzelten patriarchalen Logik, in der Frauen als Verfügungsmasse gelten. Das Buch macht diese Strukturen sichtbar, ohne sie zu kommentieren. Es lässt die Frauen sprechen, und das reicht.

Dazu kommt eine unbequeme Frage, die das Buch stellt, ohne sie direkt auszusprechen: Wie viel Aufmerksamkeit bekommt dieses Leid eigentlich? Schon in Europa wird schnell weggeschaut, wenn Krisen nicht mehr die Titelseiten füllen. Für das, was sich in Teilen Afrikas abspielt, gilt das noch einmal mehr. Bauer hält dagegen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern indem er einfach hingeht, zuhört und schreibt.

Das Buch wurde 2016 mit dem Nannen-Preis ausgezeichnet, Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai empfahl es ausdrücklich. Aber mehr als alle Preise sagt das Schweigen, das einen nach der Lektüre begleitet, und die Frage, warum wir so schnell aufgehört haben, hinzuhören.

N.P.

Suhrkamp Verlag, 2016

ISBN: 978-3-518-42538-1

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