Der Gesang der Berge

von Nguyễn Phan Quế Mai

Der Gesang der Berge: So poetisch der Titel klingt, so dramatisch ist der Inhalt dieses Buches, dessen zeitlicher Bogen von den 30er Jahren bis in die 70er Jahre reicht und damit die Zeit dreier Kriege in Vietnam einschließt: den II. WK, den Indochina Krieg und den sogenannten Vietnam-Krieg.

Der Leser spürt in diesem Buch mit jedem Satz, mit jedem Wort, wie sich Krieg anfühlt. Wer dachte, dass er alles über Vietnam und seine Kriege weiß, merkt hier vermutlich, dass es eine menschliche Dimension gibt, die man bei der Betrachtung des Landes oft ausklammert.

Das Leid, das den Menschen in Vietnam angetan wurde, von Menschen feindlicher Nationen, aber auch von Menschen des eigenen Volkes mit anderen politischen Überzeugungen, bekommt in diesem Buch einen Namen. Als Leser meint man fast, in die Seele der handelnden Personen einzudringen, die meisten von ihnen einer einzigen Familie angehörig, der Familie Trẩn. Am Beispiel dieser Familie wird die Geschichte eines ganzen Landes nachgezeichnet; die einzelnen Familienmitglieder handeln vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse und machen diese für den Leser erlebbar.

Man erhält ein ziemlich umfassendes Bild von einem kriegsgebeutelten Land, angefangen mit den Wirren des II. Weltkrieges, die im letzten Kriegsjahr zu einer großen Hungersnot im Land führten, bis hin zum wiedervereinigten Vietnam (ab 1976), in dem sich Menschen begegneten, die sich vorher bekämpft hatten, auch innerhalb der eigenen Familie. Während der großen Hungersnot 1944/45 flohen die Menschen aus ihren heimatlichen Gebieten, sie kämpften um das nackte Überleben, doch haben es mehr als 1 Million Menschen nicht überlebt. Die Autorin schafft es, diese Kämpfe und seelischen Nöte eindrücklich zu beschreiben, indem sie den Leser an den Gesprächen z.B. der Protagonistin mit der Enkelin teilhaben lässt. Man spürt die wachsende innere Bande zwischen diesen beiden willensstarken Menschen, die das ganze Buch durchzieht.

Empathisch und mit großer Menschenkenntnis lässt die 1993 in Vietnam geborene Schriftstellerin Nguyễn Phan Quế Mai den Leser die einzelnen Schicksale dieser Familie über die Kriege hinweg begleiten. Realistisch und detailgetreu beschreibt sie die schlimmsten Gräueltaten, die Menschen einander antun können, und gleichzeitig hebt sie die freundlichen Gesten, die nachbarschaftliche Fürsorge, die gegenseitige Hilfe hervor, die von Friedensuche und Harmonie zeugen, und die Stärke familiärer Verbundenheit. Sanftheit und der Wunsch nach familiärer Harmonie spricht aus den Worten und Taten jedes Familienmitgliedes, und gleichzeitig wird die Zerrissenheit deutlich, die den einzelnen Menschen vor den zeithistorischen Hintergründen innewohnt.

Trotz all dieser Dramatik gelingt es der Autorin, die ganze Geschichte in eine sinnlich bildliche, immer wieder blumige Sprache zu betten, die an das Vietnamesische angelehnt ist.  Selbst dieser aus dem Englischen ins Deutsche übertragene Text gibt einen überzeugenden Eindruck des besonderen Duktus der vietnamesischen Sprache wieder - angefangen von den sinnhaften Personennamen (Guave u.a.) bis hin zu sanften Beschreibungen, die eine Person einer anderen zuteilwerden lässt.

Der Gesang der Berge ist ein beeindruckendes Familienepos und gehört zu den besten Büchern über dieses faszinierende Land.

Suhrkamp Verlag, 2021, 429, ISBN: 978-3-458-17940-5

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MM

Paulo Freire - Werk, Wirkung und Aktualität

von Kira Funke

Am Donnerstag, dem 18.11.2021 ging unsere monatliche Online-Buchvorstellung in die nächste Runde. Der Abend fand in Kooperation mit dem  EPiZ Reutlingen und der Giovane Elber Stiftung mit ihrem Verein zur Förderung brasilianischer Straßenkinder e.V. statt, welche  sich beide im Bereich Bildung engagieren, statt. Vorgestellt wurde das Buch „Paulo Freire – Werk, Wirkung und Aktualität“ von Prof. Dr. Kira Funke über den brasilianischen Pädagogen Paulo Freire, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Funke, die schon selbst in Brasilien mit den Ärmsten zusammengearbeitet hat und heute Professorin für Soziale Arbeit ist, präsentierte Freires Theorien und Konzepte klar und für fachfremde Menschen gut verständlich.

Paulo Freire gilt als einer der Klassiker in den Bereichen der Erziehungswissenschaft und der Sozialen Arbeit. Er wurde am 19.09.1921 im Nordosten von Brasilien geboren und wuchs in Armut und Hunger auf. Nach seiner Schulzeit studierte Freire Jura, jedoch übte er diesen Beruf nur sehr kurze Zeit aus. Er war der Überzeugung, dass er mit diesem Beruf die „Starken“ unterstützen würde und nicht die Menschen, die am meisten Unterstützung bräuchten. Nach dieser Erkenntnis fokussierte sich Paulo Freire auf die von ihm benannten „Unterdrückten“. Er entwickelte Techniken und Methoden, wie die Alphabetisierung, um den Schwächsten und Ärmsten im Land eine Stimme zu geben.  Durch Freires Bildungsarbeit kam es in den 1960er Jahren in Brasilien zu einem Militärputsch, weshalb er für viele Jahre ins Exil, unter anderem nach Chile und in die Schweiz, musste. Sein Bildungskonzept, das eigenständiges Denken in der breiten Bevölkerung fördern sollte, passte nicht in die Politik der damaligen brasilianischen Regierung. 1980 konnte Freire schließlich wieder nach São Paulo zurückkehren, wo er 17 Jahre später starb.

Ein wichtiger Aspekt  für Freire war, dass er die Lebensrealitäten der Menschen in den Mittelpunkt stellte und schaute, was sie gerade am meisten beschäftigte. Von diesem Ausgangspunkt seiner Schüler*innen setzte er mit seinen Bildungs- und Erziehungsmethoden an; ein Ansatz, mit dem er auch das Globale Lernen mitprägte.

Ein Interview mit Kira Funke:  https://www.waxmann.com/interview_funke/

Funke, Kira: Paulo Freire – Werk, Wirkung und Aktualität. 2010,  Interaktionistischer Konstruktivismus,  Band 9,  1. Auflage, 340  Seiten,  broschiert,  39,90 €,  ISBN 978-3-8309-2355-8 https://www.waxmann.com

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JN

Sie behandelten uns wie Tiere

von Sara & Célia Mercier

In einem Dorf in der irakischen Provinz Ninive bricht im August 2014 das Leben der Dorfgemeinschaft zusammen. Soldaten des IS, sogenannte Daesch, überfallen das Dorf, morden und rauben und zerstören das Leben hunderter Menschen. So auch das der jungen Jesidin Sarah, die mit ihren Schwestern von den Daesch entführt wird. In diesem Buch erzählt Sarah von ihrem Leben: der friedlichen Kindheit mit Traditionen und dem Aufwachsen in einer eng verbundenen Glaubensgemeinschaft, die auch ihren Glauben prägt, von ihrer Schulzeit und wie sie als junges Mädchen beginnt, sich zu verlieben. Bis zu dem einen Tag im August. Es folgen dunkle Kapitel. Sarah gerät in Gefangenschaft, wird von Daesch vergewaltigt, unternimmt mehrere Fluchtversuche und schafft es schließlich zu entkommen.

L.E.

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